Zur Totalität des Antisemitismus – Flugblatt anlässlich der Jahrestage der Novemberpogrome von 1938

Krieg den deutschen Zuständen! Allerdings! Sie stehn unter dem Niveau der Geschichte, sie sind unter aller Kritik, aber sie bleiben ein Gegenstand der Kritik, wie der Verbrecher, der unter dem Niveau der Humanität steht, ein Gegenstand des Scharfrichters bleibt.
(Karl Marx)


Die Volksgemeinschaft der willigen Vollstrecker_innen

Am 7. November 1938 schoss der in Frankreich lebende polnische Jude Herschel Grynszpan den deutschen Legationssekretär Ernst Eduard vom Rath in Paris nieder. Dies war eine Reaktion auf die antisemitische Politik der deutschen Terrorgemeinschaft, der auch Grynszpans‘ Eltern zum Opfer gefallen waren. Aus dieser Tat eines Einzelnen wurde durch den NS-Propagandaapparat der „hinterhältige Mord an einem Arier durch die jüdische Weltverschwörung“, eine Art „Kriegserklärung des Weltjudentums gegen das Reich“ konstruiert.
Die Reaktion des deutschen „Volkszorns“ ließ nicht lange auf sich warten. Aufgestachelt durch die gleichgeschalteten Medien (Originalton Goebbels: „Wie hätte das erst ausgesehen, wenn das organisiert gewesen wäre!“), angeführt von teilweise zivil gekleideten SA-Männern und überall „geduldet“ von der Polizei und Feuerwehr, begann der furor teutonicus schon nach wenigen Stunden mit den Pogromen, in jener „Reichskristallnacht“, setzte sich erstmals die deutsche Mordgemeinschaft in Bewegung. In den Tagen vom 7. bis zum 13. November 1938 wurden über 400 Menschen ermordet oder in den Selbstmord getrieben, es brannten die Synagogen, verwüstet und geplündert wurden tausende als „jüdisch“ identifizierte Lokalitäten: Geschäfte, Wohnungen, Friedhöfe. Dieser barbarische Durchbruch zeigte einmal mehr, dass die deutsche Volksgemeinschaft nichts als Verachtung für die jüdischen Mitbürger und ihren Glauben an eine „deutsch-jüdische Symbiose“ übrig hat, dass die Vernichtung des „Weltjudentums“ schon damals von der deutschen „Volksseele“ zumindest billigend in Kauf genommen, in einer breiteren und tieferen Schicht des deutschen Gemüts aber offensichtlich herbeigesehnt wurde, ansonsten hätten nicht so viele deutsche Staatsbürger_innen mitgemacht..
Dabei ist entscheidend zu sehen, dass es nicht allein die NS-Parteiformationen waren, die während der Novemberpogrome wüteten, sondern die Gesamtheit der Mobilisierten: d.h. der deutsche Mob. Es war eben nicht so, dass der damit manifest gewordene antisemitische Vernichtungswille den ach so zivilisierten Deutschen erst mühsam von den Nazis hätte aufgezwungen werden müssen, vielmehr war er 1933 schon längst fester Bestandteil der deutschen Reichsgesellschaft, der „Machtphantasie Deutschland“ von Anbeginn. Denn im Nationalsozialismus war der Antisemitismus sogar erklärtermaßen der zentrale Bezugspunkt, der mentale Triebgrund für dieses barbarische Kollektiv, das sich da moderne Gesellschaft, genauer: nationale Gemeinschaft schimpfte. „Niemand hat das deutsche Volk gezwungen, uns zu wählen“, stellte Goebbels im Nachhinein fest: Dass sie den Vernichtungskrieg wählten, das wusste diese Mehrheit von Anbeginn.
Noch markierten die Novemberpogrome nicht den direkten Übergang von gewaltsamer rechtlich-staatlich gedeckter sozialer Ausgrenzung der jüdischen Menschen zu ihrer industriellen Vernichtung, da die Form der „Endlösung“ eine andere als die des „Radau-Antisemitismus von unten“ war nämlich die der volksstaatlich von oben durchorganisierten Vernichtungsindustrie zur „totalsten und radikalsten Ausrott-Schaltung des Judentums“ (die Goebbels so wörtlich an alle Welt gerichtet in seiner Sportpalastrede nach Stalingrad unter tosendem Beifall verkündete). Die Konstruktion des antijüdischen Phantasmas von der „Gegenrasse“ hatte mit der Gründung des Deutschen Reiches unter Bismarck begonnen, sich als Massenbewegung zu organisieren, bis hinein in die Sozialdemokratie (Eugen Dühring) und die Sozialstaatsideologie (Adolph Wagner), im deutschen Bildungsbürgertum und seiner Jugendbewegung weitete es seine Basis vom christlichen Antijudaismus bis zur rassenbiologischen geschlossenen Weltanschauung rapide aus (Paul de Lagarde und „der Rembrandtdeutsche“); vor, in und nach dem ersten von Deutschland entfesselten Weltkrieg war dieser deutsche Massenwahn nicht mehr aufzuhalten. Seine historischen Vorläufer aber hatte er schon in den konterrevolutionären antifranzösischen „Befreiungskriegen“ gegen Napoleon (und die von ihm durchgesetzte Judenemanzipation), aber auch schon lange vor den antijüdischen Pogromen seit jener Epoche der Romantik und des darauffolgenden deutschen „Vormärz“ (z.B. die „Hep-Hep-Aufstände“) hatte es seit dem Mittelalter und der Neuzeit die katholisch und protestantisch angestachelten Vernichtungswutanfälle gegen Juden und ihre Ghettos im „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ fortgesetzt gegeben. Für Frankfurt am Main erwähnen wir nur den sogenannten „Fedtmilch-Aufstand“ 1614: von „kleinen Leuten“ zuerst gegen „die Oberen“ der Stadtregierung gerichtet, schlug er typischerweise sehr schnell in die Verwüstung, Plünderung, Brandschatzung des Frankfurter Judenghettos um.
Die Novemberpogrome 1938 waren also zwar in ihrem Ausmaß besonders schrecklich, in ihrer Begleitung durch Polizei und Staatsparteiorgane modernisiert; aber in ihrer Struktur als Volksmob, der loszieht und „Juden“ totschlägt haben sie weit über Deutschland und Europa hinaus eine Kontinuität vom christlichen Mittelalter bis zur islamistischen Intifada. Der Vernichtungsantisemitismus allerdings, den Hitler als modernen „Antisemitismus der Vernunft“ formulierte, war ein volksstaatlich gelenkter bürokratisch und industriell auf die Minute genau mordender Automat – in dieser Perfektion bisher einzigartig in der Menschheitsgeschichte. Es war eine komplexe Mischung aus hündischer Obrigkeitshörigkeit, zustimmendem Gaffen und schließlich vielfältigem Partizipieren als Volksgemeinschaft der willigen Vollstrecker_innen, die bei allem, was der Volksstaat in ihrem Namen gegen „den Weltenfeind“ veranlasst, bereitwillig bzw. vorauseilend oder zumindest passiv-duldend mitmacht. Dieser Effektivität gegenüber hat auch jenes so gerne beschworene „andere Deutschland“ historisch effektiv versagt. So wie sogar die zahlreichen revolutionären Arbeiter_innen 1933 auf den antifaschistischen Aufstand verzichteten, so wie sie 1938 und danach sich selber zu ohnmächtigen Zuschauern oder sogar Mitwirkenden (am Vernichtungskrieg) hatten machen lassen – die Ausnahme des „einsamen Attentäters“ Georg Elser bestätigt diese Regel – so hat die deutsche Linke bis heute im Grunde verdrängt, dass mit der Shoa, welcher dadurch der Weg bereitet wurde und welche diese Arbeiterbewegung damals wie heute ignoriert, bagatellisiert, relativiert und musealisiert, längst unwiderruflich das ganze Deutschland sein Existenzrecht verwirkt hat – einschließlich seines „anständigen“ linken Anhängsels und demokratischen Alibis. Bezeichnend für diese treudeutsche traditionslinke Verachtung der jüdischen Opfer des NS ist die Tatsache, dass viele dieser deutschen Arbeiterbewegten damals wie heute stur gegen das Projekt der zionistischen Palästina-Auswanderung und jüdischen Staatsgründung sind!
Der Hinweis auf den Unterschied zwischen 1938 und 1940 – 45 soll nicht die Kritik am Pogrom als menschenfeindlichem und mörderischem Akt schmälern, vielmehr soll er aktualisierend auf den heutigen, schon wieder auf pogromartiger Stufe eskalierenden Antisemitismus, aufmerksam machen, der vor allem bei Djihaddist_innen zu finden ist. Zu verweisen ist dabei unter anderem auf den Antikolonialen Aufstand der Palästinenser von 1936 – 1939, der gleichzeitig ein einziger Pogrom war. Illusionslos ist dabei zu sehen, dass sich das Problem „Antisemitismus“ mit dem Sieg der Alliierten über Deutschland nicht selbst aufgehoben hat, sondern dass es nicht nur „die Zweite Schuld“ in diesem (laut Potsdamer Beschlüssen eigentlich längst aufzulösenden) Staat gab, darüber hinaus die deutsche Ideologie sich vielmehr weiter über die Welt verbreitet hat. Bevor auf diese Punkte genauer einzugehen ist, muss die Funktion des Antisemitismus als zentrales Element der falschen Vermittlung in Deutschland erklärt werden.

Antisemitismus als Totalität – Vernichtung als gesellschaftlicher Selbstzweck

Der „Antisemitismus“ als geschlossene Weltanschauung ist in der nationalsozialistischen Gesellschaft Totalität, er ist von der historisch in besonderer Weise psychomental geprägten Bevölkerung unverbrüchlich getragene Staatsphilosophie (Stichworte: „Deutsche Misere“, deutsche Knechtseligkeit, deutsche Obrigkeitshörigkeit, „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ etc.). Er ist mehr als bloße Spinnerei, sondern „materialisierte Ideologie“. Als modernes massenpsychologisches Phänomen entspringt er der bürgerlich-kapitalistischen Alltagsstruktur, er ist eine moderne Fetischform der „Religion des Alltagslebens“ (Marx). Der „Antisemitismus“ (eigentlich ein Unbegriff, Quatschwort, im folgenden trotzdem ohne Anführungszeichen benutzt) ist in seiner bisher perfektesten, deutschen Entwicklung die ideologische Existenzrechtfertigung des Nationalsozialismus als „klassenlose“ Klassengesellschaft, als deutscher Antikapitalismus. Denn im Antisemitismus können alle modernen gesellschaftlichen Widersprüche in der Figur „des Juden“ bzw. der „jüdischen Weltverschwörung“ scheinbar negiert werden, indem diese selektierte Menschengruppe zur verfleischlichten Herrschaft des Kapitals projiziert wird. Das globale Kapitalverhältnis wird also nicht als abstraktes Produktionsverhältnis, als dinglich (d.h. durch Warentausch und Geld) vermitteltes Verhältnis zwischen Menschen begriffen, sondern als ein alles beherrschendes Ding verstanden und selbst personifiziert („der Geldmensch“). Der Antisemitismus kann also das Kapitalverhältnis nicht als das erklären was es ist, nämlich als weltgesellschaftlichen Zusammenhang von Produktions-Sachzwängen, nach dessen Gesetzen jede_r handeln muss, sondern es wird davon ausgegangen, dass diese Zwänge von einer bestimmten Gruppe Menschen wiederum kontrolliert bzw. verursacht würden, die aufgrund ihres geheimen Wissens, Vermögens und Machtnetzes daraus einen Vorteil schlagen. Da der Antisemitismus wie jedes Glaubens- oder Wahnsystem absolut unfähig ist, was die tatsächliche Erklärungskraft des Kapitalverhältnisses angeht, wird dieses zerlegt in die scheinbar gute, „natürliche“ Warenproduktion, das Grundeigentum und die „ehrliche“ Lohnarbeit einerseits und in die künstlich und „parasitär“ anmutende und irgendwie unheimliche Sphäre der Zirkulation andererseits (besonders das Geldgeschäft, das zinstragende Kapital, der Finanzsektor). Dieses Zerreißen und Bewerten des kapitalistischen Gesamtkomplexes ist allerdings bei jedem Gefühlsantikapitalismus der Fall. Der Antisemitismus geht aber einen Schritt weiter, er stellt nämlich konkrete und abstrakte Momente des Kapitalismus gegenüber und identifiziert jeweils eine Menschengruppe mit ihr, und indem er die auf sie projizierten sozialen und psychosexuellen Charakterzüge – im Grunde die eigenen verdrängten und abgespaltenen Wunsch- und Hassbilder – bündelt und biologisiert entstehen die Wahnbilder von „(heller) Rasse“ und „(dunkler) Gegenrasse“. Diese „pathische Projektion“ (Adorno) führt nicht nur dazu, dass eine tatsächliche Analyse der herrschenden Verhältnisse für das derartig ideologisierte Kollektiv unmöglich wird, sondern vor allem dass jedes Subjekt, welches als „jüdisch“ oder Helfer_in „der Juden“ identifiziert wird, als Teil der „Gegenrasse“ zu vernichten ist. Denn auf nichts anderes läuft der moderne Antisemitismus immer hinaus: Auf eine doppelt verdinglichte (= in Ding/Person) Mystifikation des Kapitalverhältnisses in Form einer bedrohlichen, unheimlichen, ansteckenden Personengruppe, die vernichtet werden muss. Der moderne Antisemitismus tendiert seit langem dazu, gänzlich ohne tatsächliche, konkrete jüdische Menschen als Projektionsfigur auszukommen, da diese gerade als abstrakte Projektionsfläche der aus den eigenen psychischen Leiden-Schuften geformten Vorstellungen funktioniert von dem was „der Jude“ ist und wer „die Juden“ sind: „Die Juden sind unser Unglück!“.
So war auch der deutsche Krieg gegen die Sowjetunion ein Ausdruck des antisemitischen Vernichtungswahns, zum einen weil „der Bolschewismus“ von den Antisemit_innen immer als Teil oder Helfer „der jüdischen Weltverschwörung“ gesehen wurde, zum anderen weil der Einmarsch in den Osten die Entfesselung der vollständigen Kriegsmaschine, und als deren Teil und schließlich letzten Zweck die Vernichtung der jüdischen Menschen im Zugriffsbereich Eurasiens und des Mittelmeerraums, erst ermöglichte.
Der oft so genannte Holocaust, oder mit welchem Wort auch immer das Resultat des perfekt funktionierenden deutschen Antisemitismus (nicht) zu fassen wäre, ist in seiner Spezifik präzedenzlos. Niemals zuvor gab es den Versuch, eine zur „Gegenrasse“ erklärte Gruppe von Menschen, so weit wie möglich über die eigenen Landesgrenzen hinaus, industriell und um der Vernichtung willen zu ermorden. Die Einzigartigkeit der deutschen Verbrechen ist dabei auf das kollektive „Mitmachen“ zurückzuführen, auf die ganz selbstverständlich massenmordende Volksgemeinschaft, die blind und wahnhaft ihrer Obrigkeit folgt, alles gemeinschaftlich konkret pedantisch umsetzt, was der Volksstaat gegen den offensichtlich halluzinierten „Weltfeind“ bürokratisch in die Wege leitet. Diese fundamentale und effektive Übereinstimmung zwischen Herrschenden und Beherrschten, Bourgeoisie, Mittelklassen und Proletariat, die den Antisemitismus als vermittelndes Moment nutzte, ist in ihrem aktiven „Durchhalten“ bis zum Allerletzten ebenso einzigartig wie die totale Verdrängung und Amnesie in der postnazistischen Periode danach.
Der Antisemitismus nimmt also im Nationalsozialismus die zentrale Rolle der falschen Vermittlung sämtlicher kapitalistischen Grundwidersprüche ein:
Erst durch das Prinzip der „Gegenrasse“, die zwar dämonisch und mystisch scheint, aber gleichzeitig so pseudokonkret greifbar wirkt, lassen sich alle gesellschaftlichen Widersprüche „eliminieren“. Der abstrakte gesellschaftliche Weltmarktzusammenhang des Lohnarbeit-/Kapital-Verhältnisses wird verdinglicht in der Figur „des Juden“ und kann in dieser auch wie ein Ding „anständig“ vernichtet werden. Die Basis des Kapitalismus, nämlich die Form der Produktion, die auf privatem Klasseneigentum an den gesellschaftlichen Produktions- und Lebensmittel beruhende Lohnarbeit, der Fetischcharakter von Ware-, Wert- und Geldform der modernen Reichtumsproduktion sowie der ganze Herrschaftszusammenhang als Staat, d.h. als Gewaltmonopol gegenüber „seinen Bürgern“, der sie auch in Kriegen opfern kann, bleibt unangetastet. Die kapitalistische Produktionsweise, d.h. die Produktion von Tauschwerten um der Tauschwerte willen (nicht zwecks Bedürfnisbefriedigung aller Menschen durch Gebrauchswerte) wird damit aufrechterhalten, die Verwertung des Werts (d.h. Profitmaximierung) als zentraler Zweck aller Produktion bleibt erhalten. „Die deutsche Revolution“ hat dieses Fundament eines deutschen Kapitalismus nur mit aller Gewalt fester geklopft und zum Weltherrschaftsanspruch gemacht („Neuordnung“). Der Nationalsozialismus spricht in seiner Selbstbezeichnung sein Geheimnis aus: sein Sozialismus besteht im völkischen Staat, der deutschen Nation, die in den Rang einer Reichsreligion erhoben wird (Deutschland über alles! Heiliges Germanisches Reich Deutscher Nation).
Der Antisemitismus nimmt die Rolle des vermittelnden Elements zwischen dem Staatsapparat und den einzelnen Gesellschaftsklassen ein, indem er diese als „Volksgemeinschaft“ gegen den herbeiphantasierten „Menschheitsfeind“, der sie von innen zersetze und von außen bedrohe, zusammenschweißt. Die Klassenunterschiede, die objektiv weiterhin bestehen, werden auf der gesellschaftlichen Ebene negiert, da das Klassenbewusstsein im Widerspruch zur Volksgemeinschaft steht. Nur „die Völker und Nationen“, die sich der deutschen Hegemonie und Kriegsfront „gegen die Plutokratien“, gegen „den jüdischen Bolschewismus“ und „gegen die jüdisch-marxistischen Intellektuellen, Zersetzer, Wühler und Hetzer“ unterordnen, werden als „Prolet-Arier“ bezeichnet. Die einzelnen Klassen existieren also weiterhin, wurden in „der antisemitischen Gesellschaft“ (Adorno) aber total verrückt, verschoben in ihrer Widersprüchlichkeit: aus der Wahrnehmung der deutschen Volksgemeinschaft hinaus in den phantastischen Doppelcharakter „des Juden“ hinein, denn dieser soll zugleich der üble reaktionäre Kapitalist und der bösartige proletarische Revolutionär oder Subversive sein. Um diese fetischistische Verrücktheit begrifflich zu fassen, wird zuweilen in der kritischen Theorie von einer „klassenlosen Klassengesellschaft“ gesprochen. Deren ideologische und gewaltsam-materielle Herstellung in „der Deutschen Revolution“, die weiten Teilen der Bevölkerung unvergessliche ideelle, psychische und materielle Privilegien und Kompensation für ihr Komplizentum und ihren Opfersinn brachte, machte die beinahe vollständige Vernichtung der jüdischen Bewohner Europas und des Mittelmeerraums erst realisierbar, da die deutsche Bevölkerung für sie benötigt und ein hohes Maß an Eigeninitiative für die Durchsetzung der Verfolgung und Ermordung der „Gegenrasse“ notwendig war. Gegen den Willen dieser „verstaatlichten“ Bevölkerung wäre die Shoa nicht durchsetzbar gewesen. Nur durch das Aufbieten der äußersten militärischen Anstrengungen einer internationalen Allianz des Partisanenkriegs und der Resistance aus Proletariat, Landarmut, Intelligenz und Deklassierten im Untergrund der von Deutschland besetzten Regionen mit den bürgerlich-kapitalistischen Streitkräften der Anti-Hitler-Koalition und durch die Gründung des Staates Israel konnte mit knapper Not in und nach dem zweiten von Deutschland entfesselten Weltkrieg die weltweite Durchsetzung des Vernichtungsantisemitismus vorläufig noch einmal aufgehalten werden.

Wider die antisemitische Internationale! Solidarität mit Israel!

Adorno zufolge hat Hitler der Erziehung den kategorischen Imperativ aufgezwungen: „Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.“
Dass dies schon „im Stande der Unfreiheit“ versucht werden muss, wie Adorno zugleich betont hat, besagt ja schon, dass es um die jetzige, zeitgemäße kapitalistische Gesellschaft geht, um die Verhältnisse, in denen der Antisemitismus sich reproduzieren kann. Deshalb müssen die Verhältnisse kritisiert und schließlich aufgehoben werden, die den Antisemitismus als regressive, fetischistische Form des Antikapitalismus hervorbringen. Allerdings erscheinen eine baldige Überwindung des Kapitalismus nach vorne und die daraus resultierende Entstehung der staaten- und klassenlosen Gesellschaft, in der alle Individuen allen produzierten Reichtum genießen und frei von Angst verschieden sein können, manchen „aus dem Stand“ eher als unwahrscheinlich.
Angesichts dieses Dilemmas ist die einzig logische Konsequenz aus einer Kritik des Antisemitismus zuerst einmal die bedingungslose Solidarität mit Israel. Israel ist seit mehr als 60 Jahren der einzig wirksame Schutz für all jene auf dieser Welt, die vom Antisemitismus betroffen sind. Israel kann zugleich durchaus objektiv als „der bewaffnete Versuch der Juden gelten, den Communismus lebend zu erreichen“ (Initiative Sozialistisches Forum), denn erst in diesem ist die mörderische Bedrohung durch den Vernichtungsantisemitismus nicht mehr gegeben. Objektiv – nicht weniger, aber auch nicht mehr: denn subjektiv ist den Staatsbürger_innen Israels und den jüdischen Menschen, die Israel weltweit als Heimstätte und prekärer Notstandsstaat repräsentiert, meist nur in ihrem Unbewussten oder Vorbewussten dieser immanente Motiv und Element des Anti-Antisemitismus im Kontext einer auf Communismus drängenden Tendenz zu attestieren. Der gerade einigermaßen säkularisiert-bürgerliche Staat Israel konkret hat verständlicherweise kein ausgesprochenes Interesse an einer Theorie und Praxis, die sich bisher in der Regel gleichgültig oder feindlich gegen die jüdische Selbstverteidigung verhalten hat. „Der Communismus aber als die wirkliche Bewegung, die den jetzigen Zustand aufhebt“ (Marx), ist vorerst eine zwar vernünftige Abstraktion geblieben, deren konkrete Wirklichkeit es allerdings als menschliche Emanzipation, als cosmopolitische Macht erst noch gegen den weltweiten Antisemitismus der Gegenwart und gegen die deutschen Zustände und die deutsche Ideologie im Besonderen zu beweisen gilt.
Dass der Antisemitismus nämlich am 8. Mai 1945 nicht verschwunden ist, sollte klar sein. Er zeigt sich in den verschiedensten postnazistischen Ausformungen wieder. Am aktuellsten ist er allerdings im arabischen Raum, namentlich in der äußerst aggressiv-expansionistischen Ideologie des Djihad, der sich die Vernichtung zumindest des Staates Israel und seiner Bevölkerung, letzten Endes aber die des Judentums im Ganzen auf die Fahnen geschrieben hat. Dabei steht der Islamismus allerdings nicht alleine, er hat Verbündete überall da, wo die ideologischen Register des Antikapitalismus und Antiimperialismus, auch gerne des abstrakten Antibellizismus und der neuen Appeasementpolitik gezogen werden – im Sozialismus des 21. Jahrhunderts, in der antiimperialistischen Linken, bei den Nazis und in der Friedensbewegung, ja sogar in Teilen des Global Campus, wo es um linksakademische Diskurse wie Identität und Universalismus geht. All jene reaktionären, romantisch-antikapitalistischen „Strömungen“ unterstützen also, ob aus Mangel an Wissen und Gespür, aus Opportunismus oder aus offen antisemitistischen Motiven, die aus dem sozialen Elend und der religiösen Dummheit heraus wachsende Macht jener mörderischen Banden, die – gegenwärtig vor allem zwischen Hamastan und dem Iran — das in Deutschland damals begonnene Werk der Vernichtung erklärtermaßen künftig vollenden wollen. Und die Chancen der antisemitischen Internationalen stehen gar nicht so schlecht. Schon 1973, im Jom-Kippur-Krieg, wäre die Vernichtung Israels durch eine Allianz mehrerer arabischer Staaten geglückt, wenn nicht das US-Militär rechtzeitig eingegriffen hätte. Die aktuelle Bedrohung Israels sowohl durch Selbstmordattentäter_innen und Raketen aus Hamastan als auch durch das Atomprogramm des Irans, einem Staat der sich die Vernichtung Israels 1979 auf die Fahnen geschrieben hat, sind unbestreitbar. „Die Protokolle der Weisen von Zion“ und die Übersetzungen von Hitlers „Mein Kampf“ erleben in diesen Regionen seit Jahren Massenauflagen und sind in Medien und Institutionen präsent.
Israel ist also angesichts der permanenten Gefahr für all jene, die vom Antisemitismus nach wie vor betroffen sind, als eine notwendige Notwehrmaßname gegen eben diesen anzusehen. Deshalb ist auch die jeweilige aktuelle Politik Israels nicht entscheidend für die Solidarität mit diesem Staat. Natürlich ist diese durchaus Interessant und vielfältig diskutierbar, aber grundsätzlich geht es um die Solidarität mit der Existenz des zionistischen Projekts als Notwehrmaßname gegen die drohende Vernichtung, nicht darum was in der Knesset so vor sich geht. Wer sich also tatsächlich am Antisemitismus stört und nicht nur bei Trauermärschen das eigene Gewissen beruhigen möchte, kommt um eine Solidarität mit Israel nicht herum.

Nieder mit Deutschland! Nieder mit dem Djihad!
Für Israel & den Communismus!

Jugendantifa Frankfurt